Du musst mit 50+ nicht noch einmal ganz von vorne anfangen

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Klientin, sie habe das Gefühl, beruflich „noch nichts Richtiges“ gemacht zu haben. Sie war zu diesem Zeitpunkt Mitte fünfzig, hatte zwei Kinder großgezogen, ihren Mann während mehrerer beruflicher Veränderungen unterstützt, in unterschiedlichen Unternehmen gearbeitet, sich nebenbei fortgebildet und über Jahre ihre Mutter begleitet.

Als ich ihr zuhörte, dachte ich: Wie kann ein Mensch auf ein so reichhaltiges Leben schauen und darin vor allem das sehen, was angeblich fehlt?

Doch genau das geschieht erstaunlich häufig.

Wir vergleichen unser gelebtes Leben mit einer idealen Entwicklungslinie, die irgendwann einmal in unseren Köpfen entstanden ist. Vielleicht wollten wir mit vierzig beruflich angekommen sein, eine erfüllte Partnerschaft führen, finanziell unabhängig sein und nebenbei noch regelmäßig Sport treiben. Vermutlich hätten wir auch gern gelassene, bestens entwickelte Kinder gehabt, die uns anrufen, aber selbstverständlich nie Probleme machen.

Das wirkliche Leben zeigt sich meist weniger kooperativ. Es führt uns über Umwege, zwingt uns zu Pausen und verteilt die Herausforderungen nach einem Plan, der uns (zum Glück) verborgen bleibt. In manchen Jahren bauen wir etwas auf, andere Jahre fühlen sich nur nach Durchhalten an. Wieder andere bestehen hauptsächlich darin, etwas zu verlieren, uns bestmöglich neu zu sortieren und irgendwie weiterzumachen.

Wenn wir mit fünfzig oder sechzig Bilanz ziehen, sehen wir daher oft zuerst die Brüche. Dabei übersehen wir, was in diesen Brüchen entstanden ist.

Die gefährliche Vorstellung vom geraden Weg

Unsere Gesellschaft liebt geradlinige Lebensläufe. Ausbildung, Berufseinstieg, Aufstieg, Erfolg und alles ist paletti. Auch persönliche Entwicklung wird gern als sauberer Prozess erzählt: Krise, Erkenntnis, Veränderung, erfülltes Leben.

In den langen Jahren meiner Laufbahnberatungserfahrung, wurde mir klar, dass sich in der Rückschau fast jede Biografie so wahrnehmen lässt, als hätte eine kluge Instanz von Anfang an gewusst, wohin alles führen sollte. Während wir darin leben, fühlt es sich allerdings selten so übersichtlich und kohärent an.

Wir treffen Entscheidungen mit dem Wissen und den Möglichkeiten, die wir zu diesem Zeitpunkt haben. Wir passen uns an, weil wir dazugehören wollen. Wir bleiben zu lange bei einem Partner/Partnerin, weil wir noch hoffen oder wir gehen zu früh, weil wir Angst haben. Wir kümmern uns um andere und merken manchmal erst Jahre später, was wir dabei zurückgestellt haben und wie wir doch vieles Wesentliches für uns dabei aufgegeben haben.

Einige Entscheidungen würden wir heute anders treffen. Das heißt jedoch nicht, dass die damalige Frau falsch gehandelt hat. Sie war an einem anderen Punkt und brauchte andere Sicherheiten, hatte andere Verpflichtungen und konnte manches noch gar nicht wissen.

Vielleicht wird es Zeit, deiner früheren Version ein wenig gerechter und mit gütigerem Blick zu begegnen. Sie hat dich immerhin bis hierher gebracht.

Dein Leben ist kein Sammelsurium

Wenn Frauen in mein Purpose-Coaching kommen, bringen sie oft einen zunächst unübersichtlichen Stapel von Erfahrungen mit. Da ist ein Beruf, der einmal interessant war, aber inzwischen zwickt wie eine zu eng gewordene Hose. Es gibt Weiterbildungen, mit denen sie nie „etwas gemacht haben“. Sie erzählen mir von Ehrenämtern, die sie enttäuscht haben, von kreative Interessen, Krisen, Abbrüche und Ideen, die irgendwann wieder in einer Schublade verschwunden sind.

Auf den ersten Blick sieht das manchmal aus wie ein zugerümpelter Keller oder Dachboden. Die Frauen wünschen sich dann von mir, dass wir möglichst schnell herausfinden, was davon wegkann und welcher neue, glänzende Lebensplan an seine Stelle treten soll. Doch oft besteht die wichtigste Arbeit zunächst darin, nichts vorschnell auszusortieren.

Denn deine Erfahrungen liegen nicht zufällig nebeneinander.

Vielleicht hast du in verschiedenen Berufen immer wieder Menschen beraten, obwohl das nie in deiner Stellenbeschreibung stand. Vielleicht bist du in deiner Familie seit Jahrzehnten diejenige, die komplizierte Dinge verständlich macht. Vielleicht faszinieren dich seit deiner Kindheit Geschichten, Übergänge, Gärten, Gerechtigkeit oder die Frage, warum Menschen tun, was sie tun.

Solche wiederkehrenden Motive sind keine Nebensächlichkeiten. Sie können Hinweise auf deinen goldenen Faden sein.

Was ist der goldene Faden?

Der goldene Faden ist keine einzelne Tätigkeit und auch kein besonders hübscher Berufstitel. Er beschreibt eine tiefere Bewegung, die sich durch dein Leben zieht.

Eine Frau kann als Lehrerin, Projektleiterin und später als Trauerbegleiterin arbeiten und in allen drei Rollen dasselbe tun: Sie hilft Menschen, in unübersichtlichen Situationen wieder Orientierung zu finden.

Eine andere organisiert Familienfeste, entwickelt beruflich neue Produkte und restauriert in ihrer Freizeit alte Möbel. Ihr Faden könnte darin liegen, vorhandene Dinge neu zusammenzufügen und ihnen eine stimmige Form zu geben.

Oft erkennen wir diesen Zusammenhang lange nicht, weil wir zu sehr auf die äußeren Stationen schauen. Wir sehen Berufsbezeichnungen, Abschlüsse und sichtbare Ergebnisse. Der goldene Faden liegt jedoch darunter: in der Art, wie du denkst, wahrnimmst, gestaltest und auf andere Menschen wirkst.

Er war möglicherweise schon da, bevor du gelernt hast, deinen Lebenslauf vernünftig zu formulieren.

Auch Brüche gehören zum Muster

Besonders schwer fällt uns die Würdigung jener Lebensabschnitte, die wir als gescheitert betrachten. Vielleicht gab es bei dir eine abgebrochene Ausbildung oder eine Beziehung, die trotz großer Hoffnung nicht gehalten hat. Oder ein berufliches Projekt, das viel Kraft gekostet und wenig eingebracht hat und vor allem Jahre, in denen du hauptsächlich versucht hast, den Kopf über Wasser zu halten.

Was soll daran wertvoll gewesen sein?

Ich glaube nicht, dass wir schmerzhafte Erfahrungen im Nachhinein „schönreden“ müssen. Manches war schlichtweg unfair, zerstörerisch oder unnötig schwer. Es wäre zynisch, jeder Verletzung eine höhere Absicht unterzuschieben.

Und doch bleibt die Frage: Was ist während dieser Zeit in dir gewachsen?

Vielleicht hast du Grenzen kennengelernt, die du heute früher wahrnimmst. Nun kannst du Menschen in ähnlichen Situationen verstehen, ohne ihnen schnelle Ratschläge zu geben. Vielleicht hat sich dein Blick auf Erfolg, Liebe oder Sicherheit grundlegend verändert.

Erfahrungen werden nicht allein dadurch sinnvoll, dass sie geschehen. Sinn entsteht auch daraus, wie wir sie in unser weiteres Leben aufnehmen.

Eine Narbe ist kein Beweis dafür, dass die Verletzung gut war. Sie zeigt jedoch, dass etwas in dir heilen konnte.

Mit 50 besitzt du einen gefüllten Werkzeugkasten

Die Vorstellung, noch einmal neu anfangen zu müssen, erzeugt verständlicherweise Druck. Sie lässt uns an junge Gründerinnen denken, an Menschen mit grenzenloser Energie und an Videos, in denen jemand um fünf Uhr morgens bereits meditiert, trainiert und ein Unternehmen aufgebaut hat.

Doch du stehst nicht am Anfang.

Du bringst Jahrzehnte gelebter Erfahrung mit. Du weißt inzwischen, welche Menschen dir guttun und welche Begegnungen dich regelmäßig erschöpfen. Du hast Fähigkeiten entwickelt, die in keinem Zeugnis vollständig auftauchen: Krisen aushalten, Zusammenhänge erfassen, Verantwortung übernehmen, Menschen einschätzen, improvisieren, Entscheidungen korrigieren.

Vielleicht bewertest du einiges davon gering, weil es dir inzwischen selbstverständlich erscheint. Gerade unsere gewachsenen Stärken erkennen wir häufig schlecht. Sie fühlen sich für uns nicht besonders an, weil wir sie ständig benutzen.

Andere sehen sie oft deutlicher.

  • Wofür wirst du immer wieder um Rat gefragt?
  • Was gelingt dir auch in schwierigen Situationen?
  • Welche Aufgabe übernimmst du fast automatisch, sobald mehrere Menschen zusammenkommen?
  • Und was kannst du inzwischen, weil dein Leben dich gründlich darin ausgebildet hat?

Würdigung kommt vor Veränderung

Viele Veränderungsprozesse beginnen mit Kritik: So kann es nicht weitergehen. Ich habe zu lange gewartet und ich hätte viel früher mutiger sein müssen.

Diese Energie kann dich kurzfristig antreiben, doch sie eignet sich schlecht als Fundament für eine neue Lebensphase. Wer vor sich selbst davonläuft, nimmt sich bekanntlich mit. Auch im neuen Beruf, in einer neuen Beziehung oder an einem anderen Wohnort.

Eine tiefere Veränderung beginnt häufig mit einer ehrlichen Würdigung.

Du schaust auf dein Leben und sagst: Das war mein Weg. Nicht der einzig mögliche und gewiss kein perfekter. Aber ich bin ihn gegangen. Ich habe entschieden, gezweifelt, geliebt, ausgehalten, Fehler gemacht und etwas gelernt.

Das macht dich nicht passiv. Im Gegenteil. Es gibt dir einen festen Boden, von dem aus du weitergehen kannst.

Dann lautet die Frage nicht mehr: Wie werde ich endlich ein anderer Mensch? Sie lautet: Was von dem, was längst in mir gewachsen ist, möchte ich jetzt bewusster einsetzen?

Dein nächstes Kapitel beginnt nicht auf einer leeren Seite

Wenn eine Autorin ein neues Kapitel beginnt, ist das Manuskript davor nicht verschwunden. Alles, was bereits geschehen ist, wirkt in die nächsten Seiten hinein. Figuren haben Erfahrungen gemacht, Konflikte durchlebt und Entscheidungen getroffen. Genau dadurch erhalten die folgenden Kapitel ihre Tiefe.

Auch dein nächstes Lebenskapitel beginnt nicht bei null: Du musst dafür wahrscheinlich keinen völlig neuen Sinn erfinden. Es geht eher darum, den Sinnfaden deutlicher zu erkennen, der längst durch dein Leben läuft. Vielleicht wartet auch keine fremde Aufgabe auf dich. Vielleicht wartet eine vertraute Fähigkeit, die jetzt eine neue Form bekommen möchte.

Du brauchst dein bisheriges Leben dafür nicht kleinzumachen oder hinter dir zu lassen. Du kannst es jedoch mutig noch einmal anders lesen.

Möglicherweise findest du darin keine perfekte Erfolgsgeschichte. Dafür findest du vermutlich eine Frau, die viel erlebt hat, an manchen Stellen falsch abgebogen ist, dabei erstaunlich viel gelernt hat und heute genauer weiß, was ihr wirklich wichtig ist und woran sie ihr Leben ausrichten will.

Das ist eigentlich ein ziemlich guter Ausgangspunkt.