Eigentlich geht es mir gut. Warum fühlt es sich trotzdem nicht mehr richtig an?

Hast du auch manchmal so Momente, in denen du dein Leben plötzlich wie von außen betrachtest. Du siehst dich selbst am Küchentisch sitzen. Der Tag war gut gefüllt, aber eigentlich ganz in Ordnung. Du hast einiges geschafft, vielleicht ein gutes Gespräch geführt, etwas Leckeres gegessen und hattest zwischendurch vielleicht sogar gute Laune. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, unzufrieden zu sein. Und trotzdem taucht der Gedanke in dir auf:

„Soll das jetzt schon alles gewesen sein?“

Manchmal verschwindet er gleich wieder, weil das Telefon klingelt, eine Nachricht hereinkommt oder jemand etwas von dir braucht. Manchmal taucht er abends wieder auf, wenn du zur Ruhe kommst.

Viele Frauen erschrecken darüber. Sie empfinden die Frage als undankbar, schließlich haben sie doch vieles von dem erreicht, was sie sich früher einmal gewünscht haben. Vielleicht haben sie eine Familie, eine langjährige Beziehung, Freundschaften, eine schöne Wohnung oder einen Beruf, in dem sie etwas bewirken können. Sie haben Krisen bewältigt, Verantwortung übernommen und sich ein Leben aufgebaut, das von außen betrachtet durchaus gelungen aussieht.

Darf ich überhaupt noch mehr wollen?

Dankbarkeit löst nicht jede Sehnsucht

Ich halte Dankbarkeit für etwas sehr Wertvolles. Ich kann mich aufrichtig über eine Tasse Earl Grey, einen schwedischen Sommerabend oder den Geruch eines neuen Buches freuen. Gerade in schwierigen Zeiten hilft mir der Blick auf das, was gut ist und was mir geschenkt wurde.

Trotzdem kann Dankbarkeit problematisch werden, wenn wir sie gegen uns selbst verwenden. Dann sagen wir uns, dass wir doch froh sein müssten, weil andere viel größere Probleme haben, oder dass wir uns eigentlich nicht beschweren dürfen, weil unser Leben doch funktioniert.

Nur verschwindet dadurch unser Empfinden nicht.

Du kannst deine Familie lieben und gleichzeitig merken, dass du mehr Zeit für dich brauchst. Du kannst deinen Beruf mögen und feststellen, dass er dir heute etwas anderes geben müsste als noch vor zehn Jahren. Du kannst dein bisheriges Leben wertschätzen und trotzdem spüren, dass manche Teile davon nicht mehr zu der Frau passen, die du inzwischen geworden bist.

Beides darf gleichzeitig wahr sein.

Unsere innere Ambivalenz macht genau diese Phase so schwierig. Solange ein Leben sichtbar aus den Fugen gerät, scheint Veränderung erlaubt. Eine Trennung, eine Kündigung, ein Burnout oder eine Krankheit liefern ja einen nachvollziehbaren Anlass, das eigene Leben auf den Prüfstand zu stellen.

Was aber, wenn nichts Spektakuläres passiert?

Was, wenn dein Leben weiterläuft und du trotzdem zunehmend das Gefühl bekommst, selbst darin kaum noch vorzukommen?

Wenn Funktionieren zur Lebensweise wird

Viele Frauen sind erstaunlich gut darin, den Alltag am Laufen zu halten. Sie denken an Geburtstage, Arzttermine, Einkäufe, Steuerfristen und daran, dass die Mutter am Sonntag angerufen werden sollte. Sie begleiten erwachsene Kinder durch Krisen, kümmern sich um alternde Eltern, moderieren im Beruf Konflikte und wissen oft noch, wo der Partner seine Brille hingelegt hat.

All diese Fähigkeiten sind wertvoll. Gleichzeitig kann sich das Funktionieren und so viele andere Menschen im Blick haben so tief in den Alltag einschleichen, dass man kaum noch bemerkt, wie viel Kraft es kostet.

Dann wird sogar Erholung zu einer Aufgabe. Du fährst zum Yoga, weil du dich dringend entspannen solltest. Beim Kochen läuft ein Podcast über Achtsamkeit, während du nebenbei noch zwei Nachrichten beantwortest. Abends schaust du eine Serie, weil du nach diesem Tag wirklich eine Pause verdient hast, und stellst irgendwann fest, dass dein Körper zwar auf dem Sofa sitzt, dein Kopf aber weiterarbeitet.

Der volle Kalender ist dabei oft nur ein Teil des Problems. Schwieriger wird es, wenn zwischen Pflichten, Ablenkung und dem nächsten Programmpunkt kaum noch Gelegenheit bleibt, dich selbst überhaupt wahrzunehmen.

Dann tauchen Fragen auf wie:

  • Was fehlt mir eigentlich?
  • Worauf warte ich?
  • Und wann wollte ich anfangen, mein eigenes Leben wieder etwas ernster zu nehmen?

Deine Unruhe kann einen guten Grund haben

Wir empfinden innere Unruhe gern als etwas, das möglichst schnell verschwinden sollte. Also suchen wir nach einer Methode, einem besseren Zeitmanagement, einer Meditation, einem Seminar oder einem neuen Buch. Hauptsache, wir fühlen uns anschließend wieder geordneter.

Doch manchmal weist Unruhe schlicht darauf hin, dass sich etwas verändert hat.

Ein Schuh kann jahrelang gut passen und irgendwann drücken. Der Schuh wird ja deswegen nicht schlechter, weil der Fuß hat sich verändert hat.

Mit Lebensentwürfen kann es ähnlich sein. Eine Rolle, die dir lange Sicherheit und Bedeutung gegeben hat, kann irgendwann enger werden. Ein Ziel, das dich früher begeistert hat, verliert seine Anziehungskraft. Ein Beruf, eine Beziehung oder eine Gewohnheit kann viele Jahre gut zu dir gepasst haben und heute trotzdem Fragen aufwerfen.

Das macht das Vergangene nicht wertlos. Es bedeutet lediglich, dass du dich weiterentwickelt hast.

Gerade das fällt uns oft schwer anzuerkennen, weil wir ungern etwas infrage stellen, in das wir viel Zeit, Hoffnung und Kraft investiert haben. Also versuchen wir, das bisherige Leben wieder passend zu machen. Wir strengen uns noch etwas mehr an, passen uns noch ein bisschen stärker an und hoffen, dass sich das alte (gute?) Gefühl zurückmeldet.

Manchmal klappt das. Manchmal eben nicht.

In der zweiten Lebenshälfte verändern sich die Fragen

In jüngeren Jahren beschäftigen uns häufig Fragen wie: Was will ich erreichen? Wo will ich hin? Was möchte ich mir aufbauen?

Diese Fragen sind wichtig, weil sie uns helfen, Entscheidungen zu treffen, Fähigkeiten zu entwickeln, uns zu spüren und im Tun besser kennenzulernen und vielleicht auf diese Weise unseren Platz im Leben zu finden.

Später verändert sich der Blick. Du hast inzwischen einiges erlebt, manches erreicht und wahrscheinlich auch Pläne beerdigt, von denen du einmal überzeugt warst, du bräuchtest sie eigentlich für dein Lebensglück. Doch inzwischen hast du auch erfahren, dass ein erfülltes Leben nicht vollständig planbar ist und dass selbst erreichte Ziele manchmal erstaunlich schnell ihren Glanz verlieren.

Dann interessieren plötzlich andere Fragen:

  • Was davon gehört wirklich zu mir?
  • Was möchte ich aus meinen bisherigen Erfahrungen machen?
  • Welche Dinge tue ich noch, weil sie einmal richtig waren?
  • Und wofür möchte ich meine Kraft in den nächsten Jahren einsetzen?

Solche Fragen verlangen keine radikale Antworten. Nicht jede Frau muss mit 55 ihren Beruf kündigen, nach Portugal ziehen und Alpakas züchten. (Schön wär’s vielleicht trotzdem …)

Oft beginnt Veränderung viel unspektakulärer. Du beobachtest genauer, wann du dich wohlfühlst und wann du innerlich zumachst. Du merkst, welche Menschen dir guttun und welche Begegnungen dich regelmäßig erschöpfen. Du fragst dich, welche Tätigkeiten du wirklich gerne machst und welche du hauptsächlich aus Gewohnheit weiterführst.

Und du erlaubst dir, das erst einmal festzustellen, ohne sofort Entscheidungen daraus ableiten zu müssen.

Du brauchst nicht sofort eine Antwort

Wir sind daran gewöhnt, Fragen als Probleme zu behandeln. Sobald etwas unklar wird, möchten wir es lösen. Am besten mit einem Plan, einem Ziel und einem Ergebnis, das sich irgendwo festhalten lässt. Bei großen Lebensfragen funktioniert das selten so geradlinig.

Manche Fragen brauchen Zeit. Sie verändern sich durch Gespräche, Erinnerungen und Erfahrungen. Beim Spazierengehen fällt dir plötzlich etwas ein, das du jahrelang übersehen hast. Ein altes Foto erinnert dich daran, was dir früher wichtig war. Du hörst jemanden über seine Arbeit erzählen und merkst, dass dich etwas daran berührt oder sogar neidisch macht. Auch Neid kann übrigens ausgesprochen aufschlussreich sein, wenn man ihn nicht sofort als schlechten Charakterzug behandelt.

Vielleicht musst du die Frage „War das schon alles?“ deshalb gar nicht möglichst schnell beantworten. Du könntest sie zunächst genauer anschauen:

  • Was fehlt mir in meinem derzeitigen Leben?
  • Welche Seite von mir kommt zu kurz?
  • Was möchte ich häufiger erleben?
  • Was würde ich gern wieder aufnehmen, das irgendwann unterwegs verloren gegangen ist, obwohl ich schonmal wusste, dass es zu mir gehört?
  • Und woran würde ich merken, dass mein Leben wieder stärker zu mir passt?

Dein Unbehagen muss keine Abwertung dessen sein, was du bisher gelebt hast. Es kann schlicht darauf hinweisen, dass sich etwas verändert hat und dass dein bisheriger Lebensentwurf an einigen Stellen überprüft werden möchte.

Die Frage „War das schon alles?“ wäre dann keine Krise, die möglichst schnell beseitigt werden muss.

Sie wäre eine ziemlich vernünftige Frage für einen Menschen, der schon einiges gelebt hat und genauer wissen möchte, wie es weitergehen soll.