Bist du auch mal wieder im Wandel? Wie du Schwellenzeiten feierst, statt sie zu überspringen.
Hast du auch gerade eine Phase im Leben, in der eigentlich alles stimmt – und trotzdem stimmt etwas nicht?
Du hast viel geschafft in deinem Leben und hast vermutlich schon viele Runden gedreht auf dem Weg zu dir selbst. Du weißt einiges über dich, hast Muster erkannt, jede Menge Weiterbildungen absolviert und bereits dein Leben hier und da umgestaltet. Und doch fühlst du dich oder dein Leben sich vielleicht gerade seltsam unfertig an. Auch nicht richtig falsch, doch einfach noch nicht ganz angekommen. Als würde das Leben auf dich warten. Als würde da noch etwas jemand auf dich warten.
Du schaust genauer hin, doch der äußere Rahmen stimmt und dieses leise Ziehen, die feine Unruhe, lässt sich auch nicht mit dem nächsten schönen Urlaub oder dem nächsten spannenden Kurs stillen. Manchmal taucht sie abends auf, wenn du zur Ruhe kommst. Manchmal schleicht sie sich in eine Pause, in der du dich eigentlich erholen wolltest – und nicht grübeln.
Ich kenne dieses Gefühl aus meiner eigenen jüngsten Geschichte. Und ich kenne es aus zwanzig Jahren Arbeit mit Menschen an Lebensübergängen: Es ist kein Zeichen, dass etwas mit dir nicht stimmt. Es ist das Zeichen, dass du an einer Schwelle stehst. Ja, schon wieder.
Zwischen den Welten: Was eine Schwellenzeit ist
Der Begriff Schwellenzeit kommt ursprünglich aus der Ethnologie. Der Anthropologe Arnold van Gennep beschrieb damit die mittlere Phase eines Übergangs, den Zustand des Dazwischen. Das Alte ist gegangen, das Neue noch nicht da. Der Soziologe Victor Turner nannte diesen Zwischenraum liminale Phase – von lateinisch limen, die Schwelle.
Übergange finden zwischen zwei Lebenskapiteln statt, beispielsweise nach dem Ende einer langen Beziehung, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wenn eine Karriere, die jahrzehntelang Sinn gegeben hat, auf einmal nicht mehr stimmig ist oder, wenn du so viel erreicht hast – und merkst, dass genau das nicht mehr reicht.
Eine Schwellenzeit ist kein „Durchhänger“ und keine Krise im klassischen Sinn. Sie ist der Raum zwischen einem Kapitel, das sich schließt, und einem, das noch keine sichtbare Form angenommen hat. Es ist ein Raum, der sich oft unbequem anfühlt und der zugleich eine der fruchtbarsten Phasen des Lebens sein kann, in der wir uns nochmal neu begegnen dürfen – wenn wir die Chance zu nutzen wissen.
Es gibt Orte auf der Welt, die Menschen in Schwellenzeiten anziehen wie von selbst. Einer meiner Lieblingsorte, die kleine schottische Insel Iona wird von vielen als thin place bezeichnet – als einen Ort, an dem die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt besonders dünn ist. Man ist dort nicht einfach auf einer Insel, man wird irgendwie durchlässig für etwas Größeres. Da ist nur karge Landschaft, kein Empfang und keinerlei Ablenkung.
Ich glaube, Schwellenzeiten sind solche thin places – nicht im Raum, sondern in der Zeit. Orte, an denen wir durchlässiger werden. An denen das, was in uns angelegt ist, sichtbarer werden kann, so dass wir mit einem neuen Verständnis unserer selbst weiterleben.
Warum wir die Zwischenzeit gerne meiden – und was uns das kostet
Unsere Kultur hat wenig Platz für das Dazwischen. Wir sind darauf trainiert, Lücken zu füllen, sie mit Nützlichem oder kleinen Handy-Snacks zu überbrücken und weiterzumachen, als hätten wir nichts gemerkt. Wir buchen die nächste Weiterbildung, setzen uns das nächste Ziel, sind produktiv und haben alles im Griff. Doch was wir hier inszenieren, ist astreines Vermeidungsverhalten.
Denn das Dazwischen ist unbehaglich. Es gibt keine klare Antwort auf die Frage „Und jetzt?“ Wir haben da Erfolgsgefühl, keine Meilensteine, nichts Vorzeigbares, obwohl diese Phase vielleicht schon Monate dauert. Nur dieses seltsame Schwebegefühl zwischen dem, was war, und dem, was sich in uns zeigen will.
Die Mystiker nannten diesen Zustand die dunkle Nacht der Seele. Viktor Frankl sprach von der noogenen Neurose – dem Leiden an der Sinnleere, das entsteht, wenn das alte Sinngebäude zusammenbricht und das neue noch nicht steht. Die Heldenreise nach Joseph Campbell hat genau diese Phase im Zentrum: die Begegnung mit den Drachen, das Aushalten des Nicht-Wissens – bevor der Schatz zugänglich wird.
Der Schatz, wohlgemerkt, wartet auf der anderen Seite dieser Phase. Nicht neben ihr. Nicht um sie herum. Es geht nur durch sie hindurch. Was wir verpassen, wenn wir die Schwellenzeit überspringen – oder uns betäuben, bis wir sie nicht mehr spüren – ist genau das: die Reifung, die nur in dieser Phase möglich ist.
Der heilige Raum: Eine andere Art hinzuschauen
Anaïs Nin schrieb einmal – und dieses Zitat hatte ich viele Jahre für meine Klienten auf Tassen gedruckt:
„Und der Tag kam, an dem das Risiko, in einer Knospe zu bleiben, schmerzlicher war als das Risiko, aufzublühen.“
Das ist der Kern einer Schwellenzeit: Das Verharren kommt uns teurer zu stehen als das Durchschreiten. Wenn du spürst, dass dein bisheriges Lebensmodell zu eng geworden ist, auch wenn es bisher für dich gepasst hat, wie ein maßgeschneiderter Anzug, dann ist es dir jetzt wohl zu klein geworden und zwickt und zwackt und lädt dich ein, dich erst mal nackig zu machen, bevor du ein neues Gewand anlegen kannst.
Zwischen dem, was war, und dem, was wird, liegt ein heiliger Raum. Geh langsam hindurch. Bestenfalls gönnst du dir diese Zeit und suchst nicht nach dem schnellen Ausweg, sondern gehst langsam, aufmerksam, würdevoll im Vertrauen darauf, dass du zu gegebener Zeit wissen wirst, um was es geht und was in dir nach dir ruft.
Langsam hindurchgehen heißt nicht, nichts zu tun. Du hast jede Menge zu tun, aber es „inner work“. Die Frage ist dann gerade nicht mehr: „Was tue ich als Nächstes?“ – sondern: „Wer werde ich als Nächstes?“
Drei innere Haltungen, die den Unterschied machen
Aus meiner Erfahrung – mit mir selbst und mit vielen Menschen in Übergangsphasen – gibt es drei Haltungen, die eine Schwellenzeit von einem quälenden Warten in einen fruchtbaren Zwischenraum verwandeln.
Würdigung. Bevor du das Neue begrüßen kannst, braucht das Alte seine Würdigung. Das klingt selbstverständlich. Wir neigen dazu, das Abgeschlossene rein analytisch zu bewerten: Was hätte ich besser machen können? Was war der Umweg? Was war die verlorene Zeit?
Würdigend sagst du dir: Das war meine Geschichte. Sie hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Nichts davon war umsonst. Jede Erfahrung, jede schwierige Phase, jeder Umweg hat mich etwas gelehrt und eine Kompetenz in mir geformt. Die Schwellenzeit lädt dazu ein, diese roten Fäden zu sehen. Das Mosaik, das sich gerade erst zeigt.
Innehalten. Der größte Fehler in einer Schwellenzeit ist es, zu früh zu handeln. Innehalten bedeutet hingegen: dem Nicht-Wissen Raum geben. Aushalten, dass die Antwort noch nicht da ist. Das ist ungewohnt und wir könnten da manchmal buchstäblich „aus der Haut fahren“, weil wir zu ungeduldig sind. Wir sind es nicht gewöhnt, mit offenen Fragen zu wohnen.
Hilde Domin, die Heidelberger Dichterin, hat das in einem Satz verdichtet, der mich schon lange begleitet:
„Sie setzte ihren Fuß in die Luft – und sie trug.“
Erst kommt der Schritt, dann der Boden. Das klingt mutig und ist auch mutig.
Offenheit. Der dritte Schlüssel ist eine Haltung, die ich gerne Pronoia nenne – das Gegenteil von Paranoia. Die Pronoia bedeutet: Das Leben arbeitet zu deinen Gunsten. Du bist nicht naiv, nicht blind und auch nicht schicksalsgläubig, doch zu bringst die grundsätzliche Bereitschaft mit, dem zu trauen, was sich zeigt. Das bedeutet auch: die Zeichen wahrnehmen, die Synchronizitäten und die unerwarteten Begegnungen. Schwellenzeiten sind reich an solchen Momenten, wenn wir offen genug sind, sie zu sehen.
Was entsteht, wenn du diese Zeit gut durchlebst
Ich habe beobachtet – bei mir selbst und bei Menschen, die ich auf diesem Weg begleite –, was auf der anderen Seite einer wirklich durchgelebten Schwellenzeit wartet.
- Eine tiefere Klarheit über dich selbst. Du fühlst eine neue Klarheit, die du dir erarbeitet hast, aber nicht durch Modelle und Konzepte, sondern ein inneres Wissen, das sich ruhiger, tiefer und stabiler anfühlt. Ruhiger. Es hat weniger mit Denken zu tun als mit Erkennen.
- Ein anderes Verhältnis zur Zeit. Menschen, die eine Schwellenzeit wirklich durchlebt haben, beeilen sich weniger. Sie haben nun erneut erkannt, was für sie wesentlich ist und das sie dazu immer wieder Zeit benötigen. Die Energie, die vorher im Widerstand gegen das Dazwischen verbraucht wurde, steht jetzt wieder für das Eigentliche zur Verfügung und dann „läuft’s“. Wohingegen, wenn wir uns vorher pushen, bevor die Zeit reif ist, dann stagniert es, alles wird mühsam, weil irgendwie die Resonanz fehlt.
- Eine neue Art zu geben. Die Sinnforschung zeigt, dass sich in der Lebensmitte etwas Entscheidendes verschiebt. Die erste Lebenshälfte ist meist geprägt von der Frage: „Was kann ich von dieser Welt bekommen?“ Irgendwann, wenn die innere Reife-Schwelle wirklich überschritten ist, kippt diese Frage zu: „Was kann ich dieser Welt geben?“ Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson nannte das Generativität. Es ist kein Zufall, dass viele der bedeutendsten Werke, Ideen und Beiträge von Menschen stammen, die genau diese Schwelle bewusst durchschritten haben.
Jede Schwelle, die du übertrittst, macht dich zu einem anderen Menschen. Du wirst reifer, weißt immer besser, wer du bist und was dein Beitrag ist. Und das Beste ist, du kämpfst weniger, sondern vertraust dem Leben von Tag zu Tag mehr und mehr.
Was will sich gerade in mir zeigen, wenn ich aufhöre, dagegen zu arbeiten?
Dr. Martina Nohl ist Purpose- und Expertenbuch-Coach, Supervisorin (DGSv) und Autorin. Sie begleitet Menschen in Übergangsphasen dabei, ihren inneren roten Faden zu finden und das nächste Kapitel ihres Lebens bewusst zu gestalten.

