Spiritualität und Purpose – Mein Weg zwischen innerer Anbindung und Lebensgestaltung

Danke, liebe Alexandra für deine Blogparade! So habe ich mich endlich mal hingesetzt, um nachzusinnen und zu spüren, wie meine beiden großen Lieblingsthemen Purpose- und Sinnfindung und Spiritualität für mich zusammenhängen. Und mir ist nochmal neu so glasklar geworden, dass das eine ohne das andere bei mir nicht denkbar wäre.

Seit vielen Jahren begleite ich nun Menschen auf dem Weg zu ihrem Purpose, zu ihrem inneren Genius, zu ihrem königlichen Kern. In diesem Artikel will ich dir gerne Einblicke geben darin, dass mein eigener Weg damit keine lineare Erfolgsgeschichte war, sondern eine Bewegung zwischen Denken und Fühlen, zwischen großer Schöpfungslust und Erschöpfung, zwischen Spiritualität und sehr konkreter Lebensgestaltung. Ich hoffe, er inspiriert dich, parallel wahrzunehmen, wie das gerade bei dir ist.

Was Spiritualität für mich bedeutet

Wenn ich heute gefragt werde, was Spiritualität für mich ist, dann denke ich nicht nicht mehr an Religionen oder besondere Rituale einer einzigen religiösen Tradition. Ich denke an Verbindung. Spiritualität bedeutet für mich, mich immer wieder mit der Quelle in mir (und um mich herum) zu verbinden – mit dem, was größer ist als mein Ego, meine To-do-Liste oder meine Angst. Es ist die Erfahrung, dass ich nicht nur funktioniere und „irgendwie“ durch mein Leben stolpere, sondern eingebunden bin in ein sinnvolles Ganzes und deswegen mein Leben Sinn macht.

Ich glaube daran, dass der Mensch in seiner besonderen Rolle in der Schöpfung ein inneres Wissen trägt, einen Genius, der darauf wartet, erinnert zu werden. Und ich glaube gleichzeitig dran, dass dieses innere Wissen uns nicht von der Welt wegführt, sondern mit jedem Tag tiefer in sie hinein. Spiritualität ist für mich keine Flucht aus dem menschlichen und manchmal auch „schmutzigen“ Alltag. Sie ist eine permanente gerichtete Bewusstseinserweiterung, durch die ich erst verstehe, was mein Menschsein in dieser Welt hier erst ausmacht.

Du merkst schon, Spiritualität ist für mich etwas ganz Praktisches. Denn wenn ich meinen inneren göttlichen Funken erkannt habe, kann ich damit Verantwortung zu übernehmen für das, was durch mich in die Welt will.

Dreiklang Modell des Sinns*

In meinem Dreiklang-Modell des Sinns unterscheide ich zwischen Sein, Geben und Erschaffen. Spiritualität ist für mich die Seinsebene – der Klangraum, in dem ich mich als schöpferisches Wesen erleben darf. Purpose ist mein Nordstern, an dem ich mich in meinem Sein ausrichten darf und den ich in jede meiner Begegnungen hineintrage. Daraus ensteht dann auf der Geben-Ebene immer wieder eine Vision für die nächste Lebensphase. Aus dieser Vision wird dann auf der Erschaffen-Ebene meine Mission, in der ich in konkreten Handlungen meinen göttlichen „Funken“ in die Welt einbringen darf, sei es ganz nebenbei in Gesprächen, in Form eines Herzensbuchs, in Projekten oder in Initiativen, die die Welt zu einem besseren Ort machen.

Ohne diese tiefe Anbindung auf der Seinsebene würde mein Purpose sich nicht lebendig anfühlen. Ohne Purpose und „handfeste Wirksamkeit“ würde Spiritualität in mir ein privates Vergnügen werden und wäre mir irgendwie zu blass und „ätherisch“.

(Mehr darüber in meinem „Handbuch Sinn des Lebens„)

Stationen auf meinem spirituellen Weg

Aufgewachsen in einer christlich orientierten Familie mit vielen Gottesdienstbesuchen und Kirchenmusik, habe ich Religion oftmals als Zwang empfunden. Jedoch gab es da immer wieder kleine Momente des Aufgehobenseins, in denen ich erahnen und auch erleben konnte, dass es dieses „Höhere“ gibt, sei es in der Musik, manchen Geschichten oder einzelnen Sätzen, die tief in mich hineingefallen sind und etwas zum Schwingen gebracht haben.

In meinen Zwanzigern habe ich viele spirituelle Wege erkundet und Gottseidank dann Ende der Zwanziger eine Heimat in der Mystik gefunden, dem Zugang in jeder großen Religion, bei dem das direkte Erleben, der ungefilterte Zugang zum Göttlichen „gilt“ und nicht über äußere Autoritäten vermittelt wird. Damit war zudem endlich die Frage für mich geklärt, dass niemand Gott für sich „gepachtet“ haben kann.

Auch im Theologiestudium konnte ich meinen spirituellen Forschergeist ausleben. Und das hat eigentlich nie aufgehört bis hin zu meiner Ausbildung vor einigen Jahren bei Christina Kessler zum „Consultant for interconnective Development“, in der wir drei Jahre lang erforscht haben, was den Weisheitskern der großen Weltreligionen und indigienen Weisheitstraditionen ausmacht und was es anthropologisch bedeutet, wenn wir diesen Schatz als Orientierung für die Zukunft der Welt begreifen würden.

Mit der Ausbildung einher gingen nochmal viele innere Transformationsprozesse, das Auflösen und „Veratmen“ von alten hemmenden Blockaden, um den Zugang zur Quelle in mir immer weiter freizulegen. Dabei habe ich immer tiefer gelernt:

Verstehen allein ist nicht genug, es geht darum, mein Leben intuitiv angebunden an diese innere Quelle immer intuitiver zu leben.

Wer mich kennt weiß, dass ich sehr viel erschaffen habe – Bücher, Konzepte, Seminare, Onlinekurse. Ich hatte immer schon diese starke innere Schöpfungsmotivation. Ideen kamen von innen, kraftvoll und klar. Und ich wollte mit ihnen etwas Gutes und Hilfreiches in die Welt bringen.

Und doch habe ich mich in der Umsetzung oft gepusht. Ich konnte etwas durchziehen und war willensstark. Aber inzwischen glaube ich, dass mir der Weg nicht immer gut getan hat. Rückblickend sehe ich: Der Impuls war spirituell geführt, doch die Umsetzung war teilweise noch von alten Leistungslogiken geprägt. Ich hatte lange geglaubt, dass ich meinen Wert über das Handeln beweise und dass ich Verantwortung tragen muss, damit etwas gelingt. Aus falsch verstandender Spiritualität entstand so immer wieder ein innerer Druck, aus dem heraus ich mich zu stark „für’s Weltverbessern“ verantwortlich gefühlt habe.

Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt zu unterscheiden: Was kommt aus der Quelle – und was kommt aus meinem alten „Ich muss“? Was führt mitten hinein ins saftige, fließende Leben und was bringt mich weg in die Trennung und immer wieder auch in die Erschöpfung?

Spiritualität in Krisen – Halt oder Illusion?

Viele Menschen finden erst in Krisen zur Spiritualität. Auch in meiner Coaching-Arbeit erlebe ich genau das. Übergänge, Burnout, Trennungen, berufliche Sackgassen bringen uns an den Punkt, an dem wir fragen, ob das schon alles gewesen ist.

Auch ich kenne Phasen der Verunsicherung. Phasen, in denen äußere Sicherheiten zusammenbrechen. Da gab es meinen Ausstieg aus dem Beamtentum mitten in der Corona-Zeit, Geschäftsmodelle, die nicht länger getragen haben, Partnerschaften, die zerbrachen. In solchen Zeiten hat mir meine Spiritualität nicht den erlebten Schmerz erspart, aber sie hat mir immer Halt gegeben und zwar keinen kognitiven, sondern ein Gefühl von Getragensein, auch wenn der Weg nicht immer leicht war.

Doch wenn wir im Rückblick einige Male erlebt haben, dass auch die schmerzhaftesten Transformationsprozesse nur zum Besten für uns und unsere Entwicklung waren, dann können wir uns auch darauf verlassen, dass aktuelle und schmerzhafte Veränderungsprozesse für uns „in Kürze“ Sinn ergeben werden. Wenn ich mein Leben als sinnvollen Prozess mit gelegentlichen Wachstumsschmerzen begreife, dann verlieren Krisen ihre absolute Bedrohlichkeit. Sie werden zu Übergängen und zu Phasen der Neu-Ausrichtung. Diese Phasen hatten für mich immer etwas besonders Lustvolles. Deswegen genieße ich es auch so, meine Klient:innen darin zu unterstützen, wie ihr nächster Wachstumsring aussehen kann.

Spiritualität hat mir geholfen:

  • mich nicht als Opfer von Umständen zu sehen,
  • sondern als Mitgestalterin meines Weges,
  • selbst dann, wenn ich nicht alles kontrollieren konnte und mich immer wieder auch verloren gefühlt habe, gerade in meiner Vielseitigkeit.

Meine Spiritualität hat mich krisenfester gemacht, weil ich durch sie immer tiefer gelernt habe, dem Leben zu vertrauen. Spiritualität ist also keine Abkürzung um Schmerzen zu vermeiden, im Gegenteil, sie fordert mich immer wieder heraus, ehrlich hinzuschauen, wo ich mich selbst verlasse – gerade das ist ja so schmerzhaft. Und das „mich selbst“ meint hier mein höheres Selbst, meinen innersten Kern, der mit mir über meine innere Führungsstimme kommuniziert, der ich entweder lauschen kann oder die ich mehr oder weniger bewusst im Alltagstrubel ignorieren kann. Diese Wahl habe ich jeden Tag.

Welche Formen von Spiritualität tun mir gut – welche nicht?

Ich habe im Laufe der Jahre viele spirituelle Strömungen kennengelernt in Theorie und Praxis. Manche haben mich genährt, andere eher irritiert und in die Enge geführt. Gut tun mir Formen von Spiritualität, die verkörpert und ganzheitlich sind. Die Körper, Geist und Seele als Einheit sehen und keinen Teil abspalten. Das sind auch alle Ansätze, die Verantwortung nicht an „das Universum“ outsourcen, sondern mich gerade in meiner Menschlichkeit als Teil eines größeren Ganzen begreifen.

Ich liebe es, mit meiner Intuition zu arbeiten. Sie ist für mich mein zweiter Betriebsmodus. Ich stelle ihr Fragen. Ich lausche auf Resonanz. Ich achte auf Synchronizitäten. Was mir nicht guttut, ist spirituelle Überhöhung. Wenn alles „Licht und Liebe“ sein soll und Zweifel keinen Platz haben. Wenn Menschen zwei Stunden Morgenroutinen benötigen, um dann erst in den Tag starten zu können, dann bekommt meines Erachtens Leistungsdruck oft nur ein neues Mäntelchen umgehängt. Denn ich habe erlebt, wie leicht man aus der Sehnsucht nach Sinn eine neue Selbstoptimierungsmaschine bauen kann: „Ich muss meinen Purpose finden.“ „Ich muss meine Mission leben.“ „Ich darf mein Potenzial nicht verschwenden.“ Das kann dann leicht zu Spiritualität ohne Selbstmitgefühl werden und darum geht es gerade nicht.

Spiritualität gibt mir Halt in meiner Identität. Sie erinnert mich daran, wer ich bin, auch wenn äußere Rollen sich verändern und ich eigentlich ständig im Wandel bin. Sie verankert mich in meinen Werten und bleibt beständig in meinem inneren Kompass.

Doch Spiritualität fordert mich auch heraus. Sie fordert mich immer wieder, Kontrolle loszulassen. Oder nicht alles sofort umzusetzen und nicht jede Vision kraftvoll „durchzuziehen“. Sie konfrontiert mich mit meiner Tendenz, zu viel Verantwortung zu übernehmen auch dort, wo das Leben sich einfach entwickeln darf. Das übe ich übrigens in meinem langen Sommer im Schweden, wo das Leben für mich einen anderen Rhythmus bekommt.

Purpose als konkrete Form von Spiritualität

Für mich ist Purpose die konkrete Form meiner Spiritualität in der Welt. Spiritualität bleibt innerlich, solange sie sich nicht in Handeln übersetzt. Purpose übersetzt die Verbindung mit der Quelle in einen Beitrag.

Mein eigener Purpose ist es, Menschen auf dem Weg zu ihrem königlichen Kern zu begleiten, damit sie ein erfülltes Leben gestalten, das uns allen dient.

Das ist für mich nicht nur ein Satz. Es ist eine Erfahrung, die ich immer wieder mache: Wenn Menschen ihren inneren Genius entdecken, verändert sich nicht nur ihr individuelles Leben. Es verändert das Feld in Beziehungen, Organisationen und Gemeinschaften. Purpose ist also kein Ego-Projekt, denn er ist immer relational. Er entsteht im Spannungsfeld zwischen dem, was ich bin, und dem, was die Welt braucht.

In meinem Dreiklang-Modell spreche ich vom Grundakkord des Sinns, dem Klangraum des Seins, dem Grundton des Gebens und der Lebensmelodie des Erschaffens, die sich daraus immer wieder neu entwickeln darf. Wenn diese drei Ebenen in Resonanz sind, entsteht Flow.

Dann wird Arbeit zu Gestaltung. Dann wird Leistung zu Ausdruck. Dann wird Spiritualität konkret.

Purpose ohne Spiritualität – möglich, aber nicht immer leicht

Kann man einen Purpose auch ohne Spiritualität leben? Ja. Unbedingt.

Ein Mensch braucht keine spirituelle Sprache, um einen Beitrag zu leisten. Viele leben ein klares „Warum“ aus ihren Werten heraus, aus Verantwortung, aus Leidenschaft oder aus dem Wunsch, die Welt ein Stück besser zu machen. Sie engagieren sich, gründen Unternehmen, erziehen Kinder, kämpfen für Gerechtigkeit oder begleiten andere durch schwere Zeiten – ganz ohne Bezug auf eine spirituelle „Quelle“, „ihren Genius“ oder „eine göttliche Macht im Universum“.

Purpose ist zunächst nichts Mystisches. Er ist eine Ausrichtung und eine innere Entscheidung, wofür ich meine Lebenszeit einsetzen möchte.

Und doch habe ich im Laufe meiner Arbeit etwas beobachtet: Wenn der Purpose ausschließlich auf der Ebene von Ziel, Wirkung und Leistung verankert ist, kann er sich allmählich in Druck verwandeln. Purpose wird dann zu einer Identitätsaufgabe, die erfüllt werden muss. Es gehört dann zum guten Ton, seinen Purpose zu kennen und wird demnach zu einem Projekt, das man erfolgreich umsetzen sollte – und damit zu einem Maßstab, an dem man sich selbst misst.

Ohne eine tiefere Verankerung im Sein – ohne diese Erfahrung von innerer Anbindung – kann Purpose unbemerkt in Selbstoptimierung kippen. Dann wird aus der Freude am Gestalten ein Pflichtgefühl, das wir meiner Ansicht nach als Menschen gar nicht so alleine tragen können.

Spiritualität – so wie ich sie verstehe – bringt eine andere Qualität in die persönliche Sinnsuche in der Welt hinein. Sie erinnert mich daran, dass mein Wert nicht von meiner Wirkung abhängt. Dass ich nicht die Welt retten muss. Dass ich Teil eines größeren Ganzen bin, das auch ohne mein permanentes Eingreifen weiteratmet. Und das gibt mir gleichzeitig die Freiheit und Erlaubnis, mich aus vollen Herzens einzubringen. Das hört sich paradox an, aber ich hoffe, du verstehst, was ich meine.

In dieser Freiheit ist mein Purpose nicht im Müssen, sondern im Dürfen verankert. Wenn ich aus der inneren Anbindung handle, wird mein Beitrag leichter, denn ich muss nicht alles alleine tun.

Es wirkt durch mich. Ich bekomme immer wieder ganz unerwartet Rückenwind und es fließt mühelos.

Purpose ohne Spiritualität ist möglich. Aber Spiritualität bewahrt den Purpose davor, zur Last zu werden. Genau das scheint mir die feine, aber entscheidende Verschiebung zu sein: Nicht ich trage meinen Purpose. Er trägt mich.

Und heute …

Heute sehe ich Spiritualität nicht mehr als einen eigenen Bereich meines Lebens. Sie ist der Boden unter allem. Deswegen kann ich sie auch nicht mehr aus meiner Arbeit „heraushalten“.

Spiritualität zeigt sich still (und gar nicht missionarisch):

  • in der Art, wie ich Entscheidungen treffe,
  • in der Art, wie ich arbeite und mit Menschen umgehe,
  • in der Art, wie ich mit Krisen umgehe,
  • in der Art, wie ich meine nächste Vision entwickle.

Und vielleicht wird Spiritualität auch für dich nicht zur Flucht aus der Welt oder zur „Erholung“ von der Welt, sondern zur tiefsten Form von Präsenz in ihr. Denn am Ende geht es nicht darum, spirituell zu werden. Für mich geht darum, wahrhaftig leben zu lernen.