Berufliche Orientierung neu gedacht: Warum intelligente KI-Tools die Beratung der Zukunft verändern

Eigentlich dachte ich, ich weiß ziemlich genau, wie berufliche Neuorientierung funktioniert.

Seit mehr als 20 Jahren beschäftige ich mich mit Laufbahnberatung, Kompetenzen und beruflichen Übergängen. Ich habe Menschen dabei begleitet herauszufinden, was sie können, was sie wollen und welcher nächste berufliche Schritt zu ihnen passen könnte. Ich habe über Laufbahnberatung geschrieben, Konzepte entwickelt und unzählige Kompetenzprofile ausgewertet.

Und dann kam die generative KI. Damit wollen sich viele Menschen die komplexe Frage nach der beruflichen Neuorientierung vereinfach und fragen die KI: „Was könnte ich beruflich machen?“. Vielleicht packen sie noch ihren letzten Lebenslauf in den Chat und bekommen dann erstaunlich schnell zehn oder zwanzig Vorschläge. Einige sind interessant, einige vorhersehbar und einige ziemlich weit hergeholt.

Das Problem ist nicht, dass die KI zu wenig weiß. Das Problem ist, dass sie zu schnell antwortet, dass sie nicht in die Tiefe nachfragt und dass sie Antworten bringt, die „gefallen sollen“.

Und genau das ist bei beruflicher Neuorientierung kontraproduktiv und missachtet den Prozess der gründlichen inneren Arbeit, bevor man sich Berufsvorschläge anschauen kann.

Die Suche nach der nächsten beruflichen Option beginnt nicht mit Berufsideen

Menschen, die sich beruflich neu orientieren, suchen vordergründig oft nach einem neuen Beruf und fragen die I.

  • „Was könnte ich mit meinen Erfahrungen noch machen?“
  • „Was passt zu mir?“
  • „Welche Jobs haben trotz KI noch Zukunft?“
  • „Was könnte ich als Quereinsteigerin machen?“

Doch hinter diesen Fragen steckt meistens sehr viel mehr. Vielleicht passt die bisherige Arbeit nicht mehr zu dem Menschen, der man inzwischen geworden ist. Vielleicht hat sich das eigene Leben verändert. Die Kinder sind groß, der Wunsch nach Status wird kleiner, dafür werden Freiheit oder Sinn wichtiger. Oder eine Tätigkeit, die zwanzig Jahre gut funktioniert hat, kostet plötzlich mehr Kraft als früher.

Viele Menschen wissen ziemlich genau, was sie nicht mehr wollen, aber noch lange nicht, was stattdessen kommen soll. Deshalb startet gute berufliche Orientierung für mich nicht bei Stellenbörsen. Sie beginnt beim Menschen.

Wer bin ich heute? Was gibt mir Energie? Welche Tätigkeiten liegen mir? Was kann ich besonders gut? Welche Werte und Bedürfnisse sind inzwischen wichtiger geworden? Unter welchen Bedingungen möchte ich überhaupt noch arbeiten? Was soll in meiner nächsten Lebensphase mehr Raum bekommen und was weniger?

Erst wenn diese Fragen klarer werden, lohnt sich der Blick nach draußen auf das Marktangebot.

Genau aus diesem Gedanken ist JobFlow entstanden. Die verschiedenen KI-Assistenten führen nicht sofort zu Berufsvorschlägen, sondern entwickeln zunächst ein differenziertes Bild von Persönlichkeit, Interessen, Motivation und Kompetenzen. Je nach Paketumfang und Tiefe kommen besondere Potenziale, die eigene umfassende Lebensvision, Entscheidung und Umsetzungsbegleitung hinzu. Erst der Berufs-Zukunfts-Radar verbindet diese Ergebnisse mit Lebenslauf, Rahmenbedingungen, Arbeitsmarkt, möglichen Quereinstiegen und der Frage, wie KI einzelne Tätigkeiten verändern könnte.

Der entscheidende Unterschied: Ein KI-Tool ist noch keine Beratung

Wir werfen im Moment vieles in einen Topf: ChatGPT. Chatbots. GPTs. AI Coaches. Agents. KI-Assistenten. Aber zwischen einem offenen Chat mit einer generativen KI und einem professionell entwickelten KI-Coachingtool liegt für mich ein großer Unterschied.

Wenn ich einen guten Coaching-GPT entwickle, gebe ich ihm nicht einfach ein Thema und ein paar freundliche Anweisungen mit.

  • Ich übersetze einen Beratungsprozess in eine KI-gestützte Interaktion.
  • Ich lege fest, welches Ziel dieser Prozess verfolgt, welche Fragen in welcher Reihenfolge sinnvoll sind, wann vertieft werden soll, wann eine Antwort hinterfragt werden muss und wann die KI eben noch keine Lösung präsentieren soll.
  • Auch die Haltung lässt sich bis zu einem gewissen Grad in das Verhalten des Assistenten übersetzen: nicht vorschnell interpretieren, keine Diagnosen stellen, Widersprüche sichtbar machen, die Selbstverantwortung beim Menschen lassen, eine Frage nach der anderen stellen und Ergebnisse nicht als Wahrheit verkaufen.

Im KI-Bereich spricht man bei einer solchen Ausrichtung auch von Alignment. Im kleinen, sehr praktischen Maßstab bedeutet das: Die KI soll nicht einfach alles tun, was technisch möglich ist. Sie soll sich innerhalb eines professionell konzipierten Rahmens bewegen.

Deshalb ist für mich wichtig, dass nicht die KI das eigentliche Produkt ist, sondern der professionell entwickelte und geführte Prozess die Qualität des KI-gestützten Tools ausmacht.

JobFlow ist deshalb keine „ChatGPT-Version für Karrierefragen“

JobFlow besteht aus spezialisierten Assistenten, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen: Ein GPT erkundet Persönlichkeit und biografische Muster. Ein anderer untersucht Interessen, Lieblingstätigkeiten, Motivatoren und Flow-Erfahrungen. Der Kernkompetenz-Finder verdichtet berufliche Erfahrungen zu handlungsnahen Kernkompetenzen. Weitere Assistenten beschäftigen sich mit der persönlichen Zone of Genius, mit Lebensvision, Entscheidung oder möglichen Umsetzungsblockaden.

Der Berufs-Zukunfts-Radar führt die Ergebnisse anschließend zusammen und prüft mögliche Tätigkeitsfelder, alternative Jobtitel, Quereinstiegswege, Qualifikationsbedarf sowie Arbeitsmarkt- und KI-Aspekte.

Das ist etwas völlig anderes als ein einzelner Prompt: Wenn du die generative KI selbst promptest, musst du (wenn du es richtig machen willst), permament die Meta-Ebene mitführen und die KI gerade bei längeren Gesprächen wieder an ihre Rolle und Aufgabe erinnern. Mit meinen professionell aufgesetzten KI-Coachingassistenten nehme ich dir diese Arbeit ab.

Die Assistenten bauen aufeinander auf. Ergebnisse können gespeichert und in den nächsten Prozessschritt übernommen, bzw. am Ende im Berufs-Zukunfts-Radar zusammengeführt werden. So entsteht nach und nach ein differenziertes berufliches Bild, statt bei jeder neuen Frage wieder bei null anzufangen.

Und genau diese Prozessführung halte ich für einen wesentlichen Teil zukünftiger KI-Beratung.

Die ersten Forschungsergebnisse sind erstaunlich

Noch ist die Forschung zu AI Coaching jung. Wir sollten deshalb vorsichtig sein mit großen Aussagen darüber, dass KI menschliches Coaching ersetzen könne. Trotzdem sind die ersten Ergebnisse bemerkenswert.

Jonathan Passmore, Bergsveinn Olafsson und David Tee haben 2025 die bis dahin vorhandene Forschung zu AI Coaching systematisch ausgewertet. Sie untersuchten 16 quantitative, qualitative und Mixed-Methods-Studien mit insgesamt 2.312 Teilnehmenden. Ihr Fazit: AI Coaches können akzeptiert, als nützlich erlebt und bei bestimmten, klar umrissenen Aufgaben wirksam sein. Für einzelne Aufgaben fanden sich sogar Leistungen, die mit denen menschlicher Coaches vergleichbar waren.

Das ist ein wichtiger Zusatz: für bestimmte Aufgaben. Eine KI kann noch nicht alles, was ein erfahrener Coach kann. Deswegen sehe ich sie als Tool. Der Tool-Charakter ist allerdings herausragend und bietet eine Qualität und Anpassungsfähigkeit, die wir bei keinen anderen interaktiven, noch so gut programmierten Tools wie z.B. bei Persönlichkeitstests bisher hatten. Zudem stehen uns diese Tools für kleines Geld nun sehr demokratisch zur Verfügung

Eine besonders interessante Untersuchung stammt von Terblanche, Molyn, de Haan und Nilsson. Sie verglichen die Ergebnisse zweier ähnlich aufgebauter Langzeitstudien zur Zielerreichung, eine mit menschlichen Coaches und eine mit einem AI Coach. In beiden Studien erreichten die gecoachten Gruppen ihre Ziele deutlich besser als die jeweiligen Kontrollgruppen. Am Ende unterschieden sich die Ergebnisse der AI-Coaching- und Human-Coaching-Gruppe bei der Zielerreichung erstaunlich wenig.

Für strukturierte, klar begrenzte Entwicklungsaufgaben kann AI Coaching bereits heute erstaunlich wirksam sein.

Die systematische Übersicht von Passmore und Kollegen kommt zu einem ähnlichen Bild. Besonders sinnvoll erscheint AI Coaching bei strukturierten, zielorientierten Aufgaben. Bei emotional hochkomplexen Situationen, kulturellen Feinheiten und anspruchsvoller Beziehungsarbeit ist die Evidenz dagegen deutlich schwächer. Die Autoren und darauf aufbauende fachliche Einordnungen sehen deshalb viel Potenzial in einer Ergänzung menschlicher Beratung, nicht einfach in deren Abschaffung.

Arbeitsteilung in der beruflichen Orientierungsberatung

Berufliche Neuorientierung enthält erstaunlich viele Arbeitsschritte, für die sich Coachs/Berater:innen und KI-Tools den Staffelstab weitergeben können. Hier ein erster Entwurf, wie eine hybride Beratungsform aussehen könnte:

  1. Mensch: Am Anfang halte ich es für hilfreich, wenn es ein umfassendes Standortbestimmungsgespräch mit tiefer Anliegensklärung gibt. Hier erfolgt noch nicht der direkte Sprung in die tiefere Arbeit an den Themengebieten, sondern Klienten können ankommen, Vertrauen aufbauen, bekommen Informationen über den (hybriden) Prozess und können sich öffnen.
  2. KI-Tools: Dann werden üblicherweise in einem Beratungsprozess viele Informationen gesammelt, sortiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Biografische Muster tauchen mehrfach auf. Fähigkeiten verstecken sich in zwanzig Jahren Berufserfahrung und wollen herausgearbeitet werden. Interessen, Tätigkeiten, Bedürfnisse und Erfolgskriterien sollen nicht nur gesammelt, sondern verdichtet werden. Komplexe Infos zu strukturieren und sortieren und Muster und rote Fäden darin zu erkennen, das kann die KI wunderbar.
  3. Mensch: Diese Ergebnisse wollen allerdings „verdaut“ und integriert werden, dazu eignet sich m.E. wieder ein oder mehrere Beratungsgespräche, um auch Widersprüche, Ja-Aber-Glaubenssätze oder äußere Hindernisse aufzudecken und daran weiterzuarbeiten. Denn hier geht es ja oft um einen Identitätswandel zwischen bisheriger gelebter Identität und dem neuen angestrebten Selbstbild.
  4. KI-Tools: Dann kommt die Auswertungs-Ebene hinzu: Was könnte daraus beruflich entstehen? Hier besitzt KI einen enormen Vorteil. Sie kann große Mengen an Informationen gleichzeitig verarbeiten und Verbindungen herstellen, auf die ein einzelner Mensch möglicherweise nicht sofort kommt. Eine Laufbahnberater:in kann selbstverständlich Ideen entwickeln. Aber niemand kennt so umfassend wie die KI tagesaktuell neuen Jobtitel, Nischenberufe, Quereinstiegswege und Tätigkeitsfelder. Eine entsprechend für diese Aufgabe optimierte KI kann hier zum Recherchepartner werden.
  5. Mensch: Abschließend wollen auch hier die Ergebnisse gesichtet werden, Klient:innen spüren sich hinein, vergleichen Optionen nach bestimmten persönlichen Erfolgskriterien und benötigen oft einen menschlichen Sparringspartner, denn die anstehenden Entscheidungen verunsichern oft und haben ja eine große Tragweite nicht nur auf das Berufs- sondern auch auf das Privatleben. So geht es auch darum, Prototypen zu finden, um bestimmte Ideen ganz praktisch auszuloten.
  6. KI-Tools:Wenn bestimmte Ziele herausgearbeitet wurden, kann dann die KI in Form eines Transfer- und Umsetzungsbegleiters dabei unterstützen, bei den täglichen Schritten aber auch auch Zweifeln dranzubleiben.

Auf diese Weise wird der gleiche Prozess wie z.B. in der traditionellen Laufbahnberatung nach dem Zürcher Ressourcen Modell begangen: Erst geht der Weg nach innen, um dann mit den erforderlichen herausgearbeiteten Puzzlestücken die Suchbewegung wieder sehr weit und differenziert nach außen in Richtung des Jobmarktes zu richten.

JobFlow© verbindet genau diese beiden Bewegungen miteinander. Der Berufs-Zukunfts-Radar soll zum Schluss auch keine vermeintlich „KI-sicheren Berufe“ verkünden. Niemand kann seriös wissen, welcher Beruf in zehn Jahren sicher sein wird. Stattdessen schaut er auf Tätigkeiten innerhalb eines Berufes: Was dürfte automatisiert werden? Was wird durch KI eher beschleunigt? Wo könnten menschliche Fähigkeiten wichtiger werden? Und wie könnte KI selbst zum Werkzeug innerhalb einer zukünftigen Tätigkeit werden?

Für mich ist genau das moderne Laufbahnberatung. Erst stehen die Fragen: Wer bin ich, was ist mir wichtig und was kann ich? Diese können in hybrider Form mit menschlicher Beratung und den intelligenten Tools geklärt werden. Dann erfolgt der Blick nach außen: Was verändert sich dort draußen und wie möchte ich mich darin positionieren?

KI macht Beratung verfügbar, wenn die Frage tatsächlich auftaucht

Man muss keinen Termin vereinbaren. Niemand muss erst einen Coachingprozess genehmigen. Man kann einen Gedanken aufnehmen, solange er noch frisch ist, ihn weiterverfolgen, unterbrechen und zwei Tage später wieder einsteigen.

Das klingt zunächst banal. Ich glaube aber, dass genau darin eine große Veränderung steckt. Entwicklung wird nicht mehr ausschließlich zu einem Termin, sondern kann im Moment des Erlebens stattfinden.

Darüber hinaus wird KI-gestütztes Selbstcoaching für Menschen zugänglich, die sich ein längeres Einzelcoaching vielleicht gar nicht leisten würden oder im Unternehmen niemals dafür ausgewählt würden. Auch Passmore und Kollegen nennen niedrigere Kosten und höhere Zugänglichkeit als zentrale Chancen von AI Coaching. Das demokratisiert Beratung.

Coachs werden nicht überflüssig

Ich halte die Frage „Mensch oder KI?“ inzwischen für die falsche Frage. Für mich stellt sich eher die Frage: Wer kann was besonders gut?

Eine KI kann geduldig zum fünften Mal nachfragen. Sie wird nicht müde. Sie kann Informationen aus langen Texten zusammenführen, Profile verdichten, Varianten entwickeln und unmittelbar verfügbar sein.

Ein guter menschlicher Coach ist stark im sozialen Miteinander und stellt hier einen guten Ressourcen-Rahmen zur Verfügung wie: echte Beziehung, Erfahrung, Intuition, körperlich wahrnehmbare Resonanz, kulturelle Sensibilität und die Fähigkeit, einen völlig unerwarteten Gesprächsverlauf aufzugreifen. Gerade wenn Menschen in krisenhaften Situationen sind, psychischen Belastungen, schwierigen Beziehungskonstellationen oder tiefen Identitätsfragen erleben, braucht es genau dieses menschliche Gegenüber.

Ich sehe die Zukunft der beruflichen Orientierungsberatung als hybrid:

Die Abfolge ist nicht in Stein gemeißelt, oben habe ich einen ersten Entwurf vorgestellt, mit dem die komplexe Arbeit auch durch die KI-Tools vereinfacht und gleichzeitig vertieft werden kann.

Nach einem ausführlichen Kennenlern-Gespräch und der Klärung des Anliegens hinter dem Anliegen, klärt ein Mensch vielleicht mit JobFlow© Persönlichkeit, Interessen und Kompetenzen. Danach geht er mit einem ersten umfangreichen Profil zu einer Laufbahnberatung. Statt drei Sitzungen damit zu verbringen, grundlegende Informationen zusammenzutragen, kann die gemeinsame Arbeit sofort dort beginnen, wo es schwierig oder widersprüchlich wird.

Oder eine Beraterin begleitet die entscheidenden Phasen und der AI Coach übernimmt dazwischen Reflexion, Recherche und Transfer. JobFlow© ist ausdrücklich auch so gedacht: Die erarbeiteten Profile können als Gesprächs- und Reflexionsgrundlage in eine menschliche Laufbahn- oder Karriereberatung mitgenommen werden.

Ich glaube, dass sich dadurch auch die Rolle von Coachs verändert. Die beraterischen Anteile als Wissenslieferanten werden weniger. Es wird weniger gebraucht, dass jemand fünf Berufsideen aus dem Ärmel schüttelt.

Wir fokussieren uns mehr auf die coachende Rolle als Prozessbegleiter, Sparringspartner und Mensch für komplexen menschlichen Bedürfnisse, die KI-Tools zwar teilweise gut „entwirren“ und strukturieren können, für die aber echte Empathie notwendig wird, um Veränderung auf einer tieferen Ebene zu ermöglichen.

Die KI sollte uns das Denken nicht abnehmen

Natürlich hat diese Entwicklung Risiken. Eine KI kann sich irren. Sie kann überzeugend klingende Behauptungen produzieren, die nicht stimmen. Sie kann Stereotype reproduzieren und Hypothesen geben, die fälschlicherweise von den Nutzer:innen als Antworten verstanden werden. Auch die Datenschutzfrage ist für mich noch nicht geklärt.

Bei JobFlow© kommuniziere ich aktiv, dass ein Ergebnis, das nicht ganzheitlich als stimmig wahrgenommen wird, auf den Prüfstand geschickt wird. Die gemeinsam erarbeiteten Profile sollen niemanden festlegen. Sie sind Arbeitshypothesen, mit denen weitergedacht wird.

Genau hier liegt für mich auch die Grenze zwischen guter und schlechter KI-Beratung.

  • Eine dysfunktionale KI sagt dir, wer du bist.
  • Eine prozess- und aufgabenorientierte hilft dir, genauer darüber nachzudenken.
  • Eine generische KI ist programmiert, dir schnell eine vermeintliche Lösung zu präsentieren.
  • Ein KI-Tool erweitert deine Perspektive, stellt Fragen, zeigt Zusammenhänge und lässt die Entscheidung bei dir.

Die KI denkt nicht für mich. Sie hilft mir, besser selbst zu denken.

Berufliche Orientierung wird dadurch nicht unpersönlicher, sondern sogar noch tiefer und persönlicher.

Das klingt zunächst paradox. Ausgerechnet eine Maschine soll dazu beitragen, dass berufliche Beratung individueller und tiefer wird? Ich kann das aus meinen bisherigen Erfahrungen nur bejahen.

Die Maschine kennt dich meistens auch nicht besser als ein guter Berater. Doch sie kann mit dir eine enorme Menge an persönlicher Reflexion verarbeiten, die in einem klassischen Beratungsgespräch aus Zeitgründen kaum möglich wäre.

  • Wir können länger bei einer Frage bleiben und noch ein Beispiel aus dem Leben suchen,
  • oder einen Widerspruch untersuchen, der zum Beispiel aus deinem Privatleben mit hineinspielt und hier in die Glaubenssatzarbeit gehen,
  • oder Ergebnisse nochmal so lange umformulieren, bis sie wirklich sitzten,
  • oder eine neue Variante gedankliche bis zum Ende durchspielen,
  • oder noch zwei Szenarien aufmachen.

Und zwischendrin können wir unsere Ergebnisse dann schon auf sehr hohen Niveaus mit Coachs bzw. Berater:innen weiterbearbeiten.

Für mich liegt die Zukunftsorientierung in der klügeren Arbeitsteilung zwischen Mensch und KI.

Berufliche Orientierung wird dadurch verfügbarer, individueller und stärker mit der realen Veränderung der Arbeitswelt verbunden. Das war für mich der entscheidende Gedanke bei der Entwicklung von JobFlow©. Ich wollte keinen GPT bauen, der auf die Frage „Was soll ich beruflich machen?“ besonders viele Antworten kennt.

Ich wollte einen Prozess entwickeln, der Menschen dabei hilft, sich selbst besser zu verstehen, ihre Möglichkeiten größer zu denken und anschließend sehr differenziert zu prüfen, was davon in ihr Leben und in die Arbeitswelt von morgen passt.

Genau das wird für mich künftig gute Beratung ausmachen: Nicht den schnellsten (und bezahlbare) Antwortrahmen zu geben, sondern Menschen mit intelligenter Technologie dabei zu unterstützen, ihre ureigenen Antworten in einer zunehmend komplexeren Welt zu finden.


Quellenhinweise:

Passmore, J., Olafsson, B. & Tee, D. (2025): A systematic literature review of artificial intelligence (AI) in coaching: Insights for future research and product development, Journal of Work-Applied Management. Die Review umfasst 16 Studien mit 2.312 Teilnehmenden.

Terblanche, N., Molyn, J., de Haan, E. & Nilsson, V. O. (2022): Comparing artificial intelligence and human coaching goal attainment efficacy, PLOS ONE 17(6).